
Stellen Sie sich eine Drückjagd in Brandenburg vor. Ihr Hund stellt sicher und sauber. Plötzlich schießt ein Überläufer aus dem Schlag und schlägt mit den Hauern zu. Was steht in diesem Moment zwischen Ihrem Hund und der Verletzung? Vielleicht 800 Newton. Vielleicht 1.600. Oder 5.000. Was diese Zahlen tatsächlich bedeuten, ist im Markt erstaunlich uneinheitlich – und für den Käufer kaum zu durchschauen.
Wir bei ADURO werden regelmäßig gefragt, warum auf unseren Datenblättern für zweilagige Westen nicht der doppelte Newton-Wert ausgewiesen ist. Die Antwort hat zwei Ebenen: eine technische und eine geschäftsethische. Beide möchten wir hier transparent erklären.
Der in der Jagdbranche verbreitetste Bezugsmaßstab für Stichschutzgewebe ist die DIN EN 13567. Sie stammt ursprünglich aus dem Fechtsport und definiert das Prüfverfahren für Schutzkleidung gegen Florett-, Degen- und Säbelangriffe. Weil es bisher keine eigenständige anerkannte Norm speziell für Hundeschutzwesten gibt, wird diese Fechtnorm seit Jahren auch für Keiler- und Hundeschutzgewebe herangezogen.
Im Test wird ein Prüfstift mit einer Querschnittsfläche von rund 3 mm² mit einer Geschwindigkeit von 6,6 Meter pro Sekunde auf das Gewebe geführt. Gemessen wird die Kraft in Newton, die nötig ist, damit der Stift das Gewebe durchdringt. Ergebnis ist der Mittelwert aus zehn Einzelmessungen. Vor der Prüfung wird das Gewebe fünfmal nach Herstellerangabe gewaschen und getrocknet.
Begriff: Quasi-statisch
Bedeutet: Die Belastung wird langsam und kontrolliert aufgebracht. Das Gegenstück ist die dynamische Belastung – etwa ein Aufprall oder Schlag. Beide Belastungsarten verhalten sich physikalisch grundverschieden.
Neben der statischen Fechtnorm gibt es seit einigen Jahren einen zweiten, für Jagdausrüstung deutlich praxisnäheren Test: das Prüfverfahren des Kuratoriums für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF) in Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe.
Hierbei trifft ein nachgeschmiedetes Keilerzahn-Imitat aus Edelstahl – montiert an einem Fallgewicht von mehr als einem Kilogramm – aus einer Fallhöhe von 65 Zentimetern auf die Probe. Daraus ergibt sich eine Aufprallenergie von 7,05 Joule, die zehnmal an verschiedenen Stellen des Schutzbereichs appliziert wird. Das Gewebe darf in keinem der zehn Schläge durchschlagen werden.

Der entscheidende Unterschied: Die DIN EN 13567 misst quasi-statisch – also langsam und kontrolliert. Der KWF-Test arbeitet dynamisch – mit Aufprall und Stoßenergie. Eine Newton-Zahl aus dem einen Test ist nicht direkt mit einer Joule-Angabe aus dem anderen vergleichbar.
Bevor wir zur Lagenfrage kommen, lohnt ein genauerer Blick auf das, was der Newton-Wert eigentlich beschreibt. Denn auch unter Fachleuten wird die Zahl oft missverstanden – als wäre sie eine Schutz-Schwelle, unter der „nichts passiert". Tatsächlich ist sie etwas anderes.
Der Materialwissenschaftler Yves Termonia hat 2006 gezeigt, dass der Durchstich einer Faserstruktur in vier aufeinanderfolgenden Phasen abläuft (Termonia 2006):
Die Konsequenz: Die maximal gemessene Kraft tritt nicht im Moment des Durchstichs auf, sondern erst danach. Sie beschreibt nicht die Schwelle, an der die Schutzbarriere versagt, sondern die größte Reibungskraft danach.
Mehrere unabhängige Folgestudien haben bestätigt: Bei mehrlagigen Aufbauten kann die Schutzfunktion bereits kompromittiert sein, bevor der Maximalwert auf der Messkurve erreicht wird (Sun et al. 2011; Wang et al. 2012).
„Eine Newton-Zahl ist ein Material-Benchmark, kein Schutzversprechen."
Erstens ist die DIN EN 13567 als Vergleichsmaßstab gleichwohl belastbar. Stoff A mit 910 Newton ist objektiv leistungsfähiger als Stoff B mit 700 Newton – die Norm liefert eine reproduzierbare Vergleichsgröße.
Zweitens ist der schadensrelevante Vorgang bei einem Keilerzahn-Treffer die Eindringung des dickeren Querschnitts – genau Termonias Phase 3, die die Newton-Zahl erfasst. Insofern korrespondiert der Messwert durchaus mit dem Versagen, das tatsächlich Schaden anrichtet.
Der KWF-Keilerzahnfalltest stellt eine simple Frage: Hat das Gewebe nach zehn dynamischen Schlägen durchgehalten oder nicht? Pass oder Fail. Bei 7,05 Joule. Mit echten Hauer-Imitaten. Diese Pass/Fail-Logik ist weniger telegen als eine schöne Newton-Zahl – aber sie ist die ehrlichere Aussage über die tatsächliche Schutzwirkung.
Wenn eine Lage 800 Newton standhält – wie verhält sich dann ein Aufbau aus zwei Lagen? Die mathematisch naheliegende Antwort: doppelt so viel, also 1.600 Newton. Ist das richtig?
Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Buch zerreißen. Eine einzelne Seite reißt sehr leicht. Zehn Seiten gleichzeitig – deutlich schwerer, aber nicht zehnmal schwerer. Die Seiten verschieben sich gegeneinander, jede wird unterschiedlich belastet. Genau dieses Verhalten zeigen auch mehrlagige Schutzgewebe.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Lagenzahl und Durchstichfestigkeit zwar näherungsweise linear zusammenhängen (Li et al. 2016). Doch diese Linearität ist eine statistische Näherung, keine physikalische Gesetzmäßigkeit – und gilt für klassische Gewebe. Bei Gestricken kann die Beziehung deutlich abweichen.
„Windowing" statt „Cutting": Der Prüfstift kann entweder einen Faden brechen oder die Fäden seitlich auseinander drücken. Welcher Modus eintritt, hängt davon ab, ob die Spitze auf einen Garnknoten oder zwischen die Fäden trifft. Das erklärt Streuungen von bis zu 20 % innerhalb einer einzigen Probe.
Lagen interagieren miteinander. Je nach Bauweise liegt der gemessene Zweilagenwert erfahrungsgemäß zwischen dem 1,7-fachen und dem 2,2-fachen des Einzelwertes – nicht immer genau doppelt.
Webart und Lagenausrichtung: Werden mehrere Lagen um 45 Grad gegeneinander verdreht eingebaut (Cross-Ply), erhöht sich die Schutzwirkung messbar (Yang et al. 2015).
Statisch ist nicht gleich dynamisch: Bei einem echten Keilerzahn-Aufprall kommen Stoßwellen, Garnauszug und Lagenreibung als zusätzliche Faktoren ins Spiel.

Eine Prüfung nach DIN EN 13567 ist genau für die Konfiguration gültig, die geprüft wurde. Wer ein Zertifikat für eine einlagige Probe besitzt und damit einen zweilagigen Aufbau bewirbt, bewegt sich in einer haftungsrechtlich problematischen Zone.
Auch der KWF prüft keine rechnerischen Hochrechnungen, sondern ausschließlich die tatsächlich eingereichte Konfiguration. Nur ein gemessener Wert ist im Schadensfall belastbar.
In Datenblättern, Webshops und Messeprospekten begegnen Käufern ganz unterschiedliche Newton-Angaben. Hier ein Überblick, was sich dahinter typischerweise verbirgt:

Praxisleitfaden: Vier Fragen beim Westenkauf
→ Wurde die Prüfung an der tatsächlich verbauten Konfiguration durchgeführt – mit derselben Lagenzahl?
→ Nach welcher Norm wurde geprüft – DIN EN 13567 (statisch) oder KWF-Keilerzahnfall (dynamisch)?
→ Wurde die Probe fünfmal nach Herstellerangabe gewaschen, bevor sie in den Prüfstand kam?
→ Liegt ein Zertifikat eines akkreditierten Prüflabors vor, oder handelt es sich um eine Herstellerangabe?
Bei ADURO geben wir in unseren Datenblättern den tatsächlich geprüften Durchstichwert an – so wie er auf dem Prüfzertifikat unseres Stofflieferanten steht. Wenn eine Lage 800 Newton hält, schreiben wir 800 Newton. Nicht 1.600 Newton, weil wir zwei Lagen verbauen. Aus drei Gründen:
Sie als Käufer sollen echte Werte vergleichen können – keine Rechenspiele. Wenn ein Mitbewerber 1.600 Newton ausweist, ohne diese Konfiguration tatsächlich gemessen zu haben, verzerrt das den Marktvergleich. Wir halten den geraden Weg trotzdem für richtig.
Im Ernstfall zählt nicht die Zahl auf dem Etikett, sondern was das Gewebe tatsächlich aushält. Den belastbaren Praxisbeweis liefert der dynamische KWF-Keilerzahnfalltest. Deshalb durchlaufen unsere Produkte zusätzlich dieses Verfahren.
Eine durch Multiplikation gewonnene Zahl ist im Schadensfall nicht belastbar. Wenn ein Gericht die Prüfgrundlage hinterfragt, bleibt vom hochgerechneten Wert nichts übrig. Vom gemessenen Wert hingegen schon.
Die DIN EN 13567 definiert für Fechtjacken ab Performance Level 2 einen Mindestmittelwert von 800 Newton. Für den Hundeschutz kommt es nicht nur auf Durchstichfestigkeit, sondern auch auf Aufprallenergie und Bewegungsfreiheit an. 800 Newton einlagig sind ein guter Ausgangspunkt – mehrlagige Aufbauten erhöhen die Sicherheitsreserve.
Das KWF-Siegel signalisiert, dass das Produkt eine umfassende Prüfung durchlaufen hat – inklusive Keilerzahn-Falltest mit 7,05 Joule Aufprallenergie sowie Bewertungen zu Tragekomfort und Verarbeitung. Im Gegensatz zur DIN EN 13567 ist die KWF-Prüfung dynamisch und praxisnäher angelegt.
Weil sie als Materialvergleich weiterhin sinnvoll ist. Zwei Stoffe unter denselben Prüfbedingungen mit unterschiedlichen Newton-Werten haben tatsächlich unterschiedliche Leistungsfähigkeit. Die Norm liefert eine standardisierte Vergleichssprache – keine Garantie für reale Belastungssituationen. Dafür gibt es den KWF-Praxistest.
Nicht zwingend. Höhere Schutzwerte gehen häufig mit höherem Gewicht und reduzierter Bewegungsfreiheit einher. Eine schwerere Weste, die der Hund nicht akzeptiert, schützt im Zweifel weniger als eine leichtere, die er gerne trägt.
Ja. Auf Nachfrage stellen wir Kunden gerne das Prüfzertifikat unseres Stofflieferanten zur Verfügung.
ADURO Jagd und Hund GmbH · Hintergrundwissen · Stand April 2026
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